Montag, 12. September 2016

{Rezension} Ein wenig Glück - Claudia Piñeiro

Ein wenig Glück

Una suerte pequeña / übersetzt von Stefanie Gerhold 

Gegenwartsliteratur / Roman
224 Seiten

Verlag: Unionsverlag
Hardcover € 22,00
ebook € 18,99

Erscheinungsdatum: Juli 2016

Vorneweg sei gesagt, dass ich an das Buch heranging, ohne den vollen Klappentext zu kennen. Ich fand, dass mir das ermöglichte, besser in den Roman einzutauchen. Weil ich mich überraschen lassen konnte. Aus dem Grund möchte ich in dieser Rezension so wenig wie möglich auf die Katastrophe eingehen.




Der zusammengefasste Klappentext

 

"Ich könnte vortreten, mich in die Tiefe stürzen, in die Leere, ins Nichts fallen lassen, nur um - endlich - frei zu sein. Eine Freiheit nur für den Moment des Fallens."

Zwanzig Jahre nach der Katastrophe kehrt Mary zurück in die Vergangenheit, aus der sie geflohen ist. Werden ihre Freunde, wird ihr Sohn sie erkennen? Schafft sie es, sich ihrer Schuld zu stellen?
Zwischen herbeigesehnten Begegnungen und erschütternden Enthüllungen begreift sie endlich, dass ihre Rückkehr vielleicht so etwas wie ein wenig Glück bedeutet.



Meine Meinung

 

"Wenn die Gemeinschaft sich gegen einen verschworen hat, ist nichts zu machen."

Der Roman ist in der Ich-Form verfasst und in drei Teile gegliedert.

Der erste Teil heißt 'Logbuch mit Unterbrechungen: Zurückkommen'. Wie die Überschrift schon verrät begleiten wir unsere Protagonistin Mary/Marilé zwanzig Jahre nach einem schrecklichen Unfall, der ihr Leben verändert und sie als gezeichnete Frau zurückgelassen hat, dabei, wie sie in ihr Heimatland Argentinien zurückkehrt. Sie soll dort für die Eliteschule, für die sie arbeitet, das ehemalige College ihres Sohnes evaluieren, das sich als Partnerschule beworben hat.
Eingestreut in die ruhige, gelassene Erzählweise Marys ist ein kurzer, immer länger werdender Text, dessen Ursprung uns noch nicht bekantn ist, der uns aber behutsam an die Katastrophe heranführt, die Marilé zwang, ihre Heimat und ihren geliebten Sohn zu verlassen.
Natürlich kommt es, wie es kommen muss, und sie trifft ausgerechnet dort auf ihren Sohn, wo sie ihn am wenigsten erwartet - am St. Peter's College, wo er inzwischen als Geschichtslehrer arbeitet.

Der zweite Teil trägt den Namen 'Die Freundlichkeit von Fremden' und schildert die Ereignisse der Vergangenheit. Dieser Abschnitt konnte mich am meisten mitreißen und ich war mehr als einmal den Tränen nahe, weil ich nicht verstehen konnte, wie grausam und gefühllos sich Menschen angesichts einer Tragödie benehmen können. Es war eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Marilé erzählt uns im Grunde ihre Lebensgeschichte, dann kommt die Katastrophe, die Flucht und das Finden der großen Liebe, die den nötigen Rückhalt gibt, um nicht aufzugeben.
 
"Viele Leute können sich nicht in andere hineinversetzen. Sie erheben sich über andere, als könnten sie selbst niemals in deren Lage geraten."

Der kurze dritte Teil namens 'Boston' beschäftigt sich damit, was passiert, als Marilé ihren Ausflug nach Argentinien hinter sich gebracht hat. Hier hat mich die Autorin kurz verloren, weil ich den Schnitt nicht gelungen fand und nach dem gewaltigen zweiten Teil nun ein wenig enttäuscht war, doch ich habe den Faden bald wieder aufgenommen und wurde mit einem rührenden Ende belohnt, das mir abermals Tränen in die Augen trieb.

Der Stil der Autorin ist sehr klar und schön, sie braucht nicht viele Worte, um einem etwas näher zu bringen. Es wird viel über Sprache an sich und Literatur geredet, was mir - nach der ersten Verwirrung darüber - sehr gut gefallen hat.

"Das alles hat nicht einmal eine Minute gedauert. Und trotzdem braucht man viele Wörter, um solch eine Minute zu erzählen, oder auch nur eine Sekunde, einen Moment, einen winzigen, kaum messbaren Bruchteil der Zeit."

Der Roman hat mich zum Weinen gebracht. Vor Leid, Mitgefühl, Beklemmung und am Schluss vor Rührung, weil die Moral von der Geschichte ist, dass man trotz aller Tragik, die einem widerfahren kann, doch auch immer die Chance auf ein wenig Glück hat.



Ein paar Worte zur Autorin

 


Claudia Piñeiro, geboren 1960 in Buenos Aires, ist der Shootingstar der argentinischen Literatur. Nach dem Wirtschaftsstudium wandte sie sich dem Schreiben zu, arbeitete als Journalistin, schrieb Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher und führte Regie fürs Fernsehen. Ihre Romane sind auf den Bestsellerlisten zu finden und werden in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt. Für Die Donnerstagswitwen erhielt sie 2005 den Premio Clarín; 2010 wurde sie mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet.




 

Bewertung und mein Fazit zu "Ein wenig Glück"

 

Ein klar geschriebener Roman, der einen nicht kalt lässt und zum Nachdenken anregt. Darüber hinaus werde ich ab jetzt stets die Sekunden des Schweigens zählen, wenn ich jemanden kennenlerne. Warum das so ist, das solltet ihr selbst herausfinden.



  

Ein lesenswerter Roman über gezeichnete Menschen, der zum Nachdenken anregt.



Vielen Dank an den Unionsverlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon unberührt.

Keine Kommentare:

Kommentar posten