Montag, 3. Oktober 2016

{Rezension} 1888 - Thomas Beckstedt

1888

Thriller
420 Seiten

Verlag: braumüller
Hardcover € 21,90
ebook € 18,99

Erscheinungsdatum: März 2015


"Es begann damit, dass mein junger Vater auf meiner ebenso jungen Mutter lag und 'Komm schon, komm schon, komm schon!' rief, während meine Mutter leise stöhnte: 'O du meine Güte, ja, ja, ja, ein wenig noch!'"





Der Klappentext

 

Wien, im Jahre 1888. Die Zeitungen berichten über die Toiletten der adeligen Damen und den Gesundheitszustand des Kaisers. Eine Prostituierte wird brutal ermordet, dann ein bekannter Arzt. Dessen Kollege Dr. Richard Rollet beteuert seine Unschuld. Und wird doch zum Tod durch den Strang verurteilt. Nur Kriminalinspektor Johann de Vries glaubt nicht an die Schuld des angesehenen Mediziners und ermittelt gegen den Willen seiner Vorgesetzten in jenen Kreisen der Wiener Gesellschaft, die der Bezeichnung "die Besten" nicht immer gerecht werden.

Gut drei Jahrzehnte später finden wir uns in London wieder. Ein rätselhaftes Paket mit indischem Poststempel birgt die Tagebuchaufzeichnungen des mutmaßlichen Doppelmörders. Der Adressat, Georg, der in ziellosem Müßiggang die Schrecken des Großen Krieges zu vergessen sucht, taucht in das verworrene und bruchstückhafte Manuskript ein, um es zu einem Buch zu formen, um dem Leben und den Erlebnissen des Autors nachzuspüren und den grauenhaften Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Seine Recherchen führen ihn zurück an den Ursprung, nach Wien, wo die Zeit viele, jedoch nicht alle, Spuren ausgelöscht hat. Immer stärker verweben sich die Schicksale der beiden Männer, immer rauschhafter verstrickt sich Georg in die Welt des Richard Rollet, und immer deutlicher tritt aus den Nebeln der Vergangenheit eine Frau hervor: Maria, mit dem Engels- gesicht und den grünen Augen.



Worum geht es also? 

 

Georg erhält die Aufzeichnungen eines alten Bekannten, Richard Rollets, die er zu einem Buch verarbeiten soll. Das Manuskript zieht ihn, der ohnehin nicht viel zu tun hat, in seinen Bann und lässt ihn nicht mehr los. Er ist so besessen davon, diese Geschichte zu Papier zu bringen, dass er sogar nach Wien reist, um Nachforschungen anzustellen. Dort nehmen die Dinge schließlich ihren Lauf...



Meine Meinung

 

Das Buch wird in zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt. Einmal berichtet unser Protagonist Georg aus der Ich-Perspektive von seiner Arbeit am Manuskript, seinem Leben und seiner Erinnerung an den Krieg. Dazwischen nimmt uns der Autor (bzw. Georg als Autor) noch weiter mit in die Vergangenheit - 1888. Wir begleiten verschiedene Charaktere, die jeweils eine Rolle in einer größeren Verschwörung spielten, und müssen uns selbst ein Bild davon machen, wer der Mörder war und was ihn handeln ließ. Mit Richard Rollet etwa sitzen wir im Kerker und erleben die bedrückende Stimmung dort, sowie die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung eines Verurteilten. Mit Johann de Vries ermitteln wir entgegen des Willens des Vorgesetzten, für den dieser Fall mit der Verurteilung Rollets als abgeschlossen gilt. Und dürfen nebenbei den Polizisten bei ihrer sehr amüsanten Vorgehensweise beobachten, die schon etwas Makaberes an sich hatte.


"Nach einigem Nachdenken spitzte sie ihre Lippen zu einem Lächeln, mit dem eine Frau einem Mann sagt, dass ihn das jetzt etwas kosten wird, und zwar ordentlich."


Der lockere Schreibstil Thomas Beckstedts ist eine Besonderheit und der HAMMER! So viele Post-its musste ich schon lange in kein Buch mehr kleben, aber es gab einfach wahnsinnig viele Zitate, die ich unbedingt markieren wollte. Der Mann hat einen süffisanten Sinn für Humor, der es mir angetan hat, und mich oft zum Lachen bringen konnte.

Die verschiedenen Charaktere (ob nun jene, die man hassen, oder jene, die man in sein Herz schließen konnte) fand ich äußerst gelungen und ich war anfangs sehr gefesselt, sowie auch die Themen mein Interesse weckten. Die Zeiten- und Ortswechsel hielten die Spannung aufrecht und sorgten dafür, dass man das Buch nicht aus der Hand legen wollte. (Nur noch dieses 1888-Kapitel hier... Nur noch dieses 1923-Kapitel hier... Ach, jetzt geht es mit Johann de Vries und seinem hanebüchenen Assistenten Lucas Boer weiter, das muss ich auch noch schnell lesen...)


"Er fragte sich, was in einem solchen Kopf bloß vor sich ging, dessen verwirrter Verstand die heiligen Wort nie und nimmer verstehen würde, der sie nur missbrauchte wie der eitle Geck den Spiegel. Oder die Dirne."

Das letzte Drittel des Romans konnte mich dann allerdings nicht mehr so mitreißen. Ich kann nicht genau sagen, woran es lag, aber irgendwie war ein wenig die Luft raus und die makaber-humorvollen Stellen wurden deutlich weniger. Es wurde stattdessen viel über die Bibel philosophiert, was teilweise etwas anstrengend war. Dass ich hier nicht allzu aufmerksam gelesen habe, wurde später problematisch, weil das Ende sehr anspruchsvoll war. Einige Fragen konnte ich für mich klären, als ich noch einmal ein paar Textstellen nachlas, andere blieben für mich wiederum offen. Da hätte ich mir erhofft, dass alles ein wenig klarer geschrieben und 'erklärt' werden würde. Das war leider nicht der Fall und lässt mich hoffen, dass ich irgendwann ein Interview mit Herrn Beckstedt führen darf :)

Nichtsdestotrotz ist 1888 ein lesenswerter Roman, an dem ein Krimi- und Thrillerliebhaber (denn es ist eindeutig eine Mischung, wenn nicht gar noch mehr Genres mitspielen) seine helle Freude haben wird!



Besonderheiten, die eine Erwähnung wert sind

 

Ein Lob gehört an den braumüller-Verlag ausgesprochen - für das angenehm kleine Format des Buches. Trotz der Hardcover-Bindung liegt es gut in der Hand und ist nicht so schwer wie manch andere Bücher. Man kann es also gemütlich im Bett lesen, ohne dass man sich den Kopf einschlägt, wenn es einem mal aus der Hand gleiten sollte :) Darüber hinaus freut es mich, dass das Buchcover etwas mit dem Roman zu tun hat, aber das müsst ihr selbst lesen!



Ein paar Worte zum Autor


Thomas Beckstedt lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Wien. Der promovierte Philosoph und diplomierte Datentechniker arbeitete 20 Jahre in der IT-Branche. Nachdem seine Leidenschaft schon immer der Literatur galt, widmet er sich nun ausschließlich dem Schreiben.

2015 erschien sein erster Roman 1888, ein Thriller, der im Wien des titelgebenden Jahres spielt und in dem es um einen Doppelmörder geht.



Bewertung und mein Fazit zu '1888'

 

Ein unerwartet anspruchsvoller Thriller, der durch den außergewöhnlichen Schreibstil des Autors hervor- und mit süffisantem Humor besticht!



 

Ein anspruchsvoller Thriller in außergewöhnlichem Schreibstil!



Vielen Dank an den braumüller-Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt davon unberührt.

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