Montag, 11. Juli 2016

{Rezension} Hôtel Solitude - René Laporte

Hôtel Solitude von René Laporte 

Hôtel de la solitude / übersetzt von Gabriela Zehnder 

Gegenwartsliteratur
120 Seiten

Verlag:dtv
Taschenbuch €13,90
ebook € 11,99

Erscheinungsdatum: März 2014 Deutsche Erstausgabe/Original 1944

"Laut ihm musste ein Diener seine Gleichmut in jeder Lage behalten - angesichts einer Orgie, der Dummheit der Säufer, der Revolverschüsse in einen Spiegel, plötzlich auftauchender Ehemänner, der Herzensergießungen von sich langweilenden Liebenden, und sogar dann, wenn gewisse Gäste, was zum Glück selten vorkam, den Rotburgunder kalt zu trinken verlangten."



Der Klappentext

 

Côte d’Azur, 1942: Der Dandy Jérôme Bourdaine hat das Casino-Leben Monte Carlos satt und sucht Zuflucht in einem alten Grand Hotel auf einer Anhöhe über der Stadt. Seit der Krieg in Europa wütet, ist das Hotel fast verwaist. Trotzdem hält ein betagtes Ehepaar den Betrieb und die Erinnerung an den Glanz der vergangenen Jahre aufrecht. Überraschend reist ein Ehepaar an – eine berückend schöne Frau mit slawischem Akzent samt ihrem geckenhaften Ehemann. Und Jérôme setzt alles daran, die rätselhafte Fremde zu erobern.

Ein raffiniertes Spiel mit Illusion und Ernüchterung, mit Träumen und Enttäuschung, ein poetischer Abgesang auf die Belle Époque - und die Wiederentdeckung eines literarischen Juwels.


Worum geht es also? 

 

Der Leser begleitet Jérôme Bourdaine in ein abgelegenes Hotel, in dem er der einzige Gast ist und von den Hotelbetreibern erst etwas misstrauisch aufgenommen wird. Die Leute tauen allerdings schnell auf, legen sich ganz schön ins Zeug und lassen für ihren Gast die Belle Époque wiederauferstehen. Als ein paar Tage nach Jérômes Ankunft eine junge Dame namens Zoya mit einem vorerst gesichtslos bleibenden Ehemann anreist, verliebt er sich und bemüht sich darum, sie zu erobern, denn er ist sich ganz sicher, dass die Liebe zu ihr sein Leben umkrempeln wird.


Meine Meinung

 

Der Klappentext (zumindest der erste Teil davon) lässt vielleicht anderes vermuten, doch Hôtel Solitude ist weder eine Liebesgeschichte, noch ein Unterhaltungsroman. Es handelt sich um eine literarische Novelle, die sich unter anderem mit Krieg, dem Entwurzeltwerden und der Melancholie der guten alten Zeiten beschäftigt.

René Laporte schreibt sehr bildhaft und metaphorisch, er spielt mit Sprache und Worten, was mir ab und an ein bisschen zu viel der Spielerei war. Allerdings hat der Autor auch eine ganz eigene Art von Humor, die mich gelegentlich zum Schmunzeln und Lachen brachte und für etwas Auflockerung sorgte.

Die Charaktere waren interessant und vor allem das Ehepaar Barca hat es mir angetan. Sie schwelgen in Erinnerungen und trauern Dingen nach, die längst verloren sind, während sie den Veränderungen, die ihnen vom Schicksal aufgezwungen werden, machtlos gegenüberstehen.

Die Art, wie zum einen die Barcas Jérôme die Belle Époque (etwa 1884 bis 1914) mit ihren Erzählungen näherbringen, und zum anderen Jérôme mit seinem Wissen darüber Zoya beeindrucken möchte, war sehr stimmungsvoll und wirklich gut gelöst, um auch den Leser daran teilhaben zu lassen. Man hat wirklich das Gefühl, dass die schöne Epoche in dem kleinen, verlassenen Hotel wieder auflebt. Ich konnte förmlich die Parfums, Rasierwässer und den Zigarrenrauch riechen, konnte das Besteck auf den Tellern klimpern hören und die angeregten Gespräche der feinen Herrschaften in ihren hübschen Abendgewändern und Fracks belauschen.

"Wenn man die Barcas hörte, hätte man meinen können, das Leben sei nicht mehr lebenswert, seit die Männer zum Abendessen nicht mehr den Frack anzogen..."

Auch die wenigen Gelegenheiten, bei denen der Autor über Jérôme spricht, fand ich sehr unterhaltsam und gut eingesetzt.

"Jérôme gehört zu den Männern, die jede Begegnung mit einer Frau ganz ausleben wollen, jenen Männern, die zum Beispiel unbedingt heiraten möchten - und zwar jedes Mal. Da die Umstände sie davor bewahren, ihr Ziel zu erreichen, laufen sie schnell weiter, dem Absoluten nach. Don Juan war vielleicht ursprünglich ein Kandidat für die Treue, der bei seiner ersten Eroberung gescheitert ist."



Besonderheiten, die eine Erwähnung wert sind

 

Auf den ersten 18 Seiten des Buches bekommt man einiges über René Laporte zu lesen, was für den ein oder anderen sicher ganz interessant ist.

Auch erwähnenswert ist - wie oben bereits angesprochen - die Tatsache, dass das Buch im Original bereits 1944 veröffentlicht wurde und erst 2014 in deutscher Sprache erschienen ist.


Ein paar Worte zum Autor

 

René Laporte, 1905 in Toulouse geboren und aus bürgerlichem Hause stammend, war Dichter, Schriftsteller, Verleger und Journalist. Er stand in engem Kontakt mit den Surrealisten, engagierte sich während der Besetzung Frankreichs in der Résistance und verfasste ein umfangreiches Werk. Durch seinen frühen Tod - er wurde 1954 von einem Auto angefahren - gerieten seine Bücher in Vergessenheit.




   

 

 

Bewertung und mein Fazit zu 'Hôtel Solitude'

 

Ein Klassiker, der stellenweise sehr literarisch geschrieben ist und stellenweise durch die Lockerheit und den Charme des Autors besticht und somit sehr lesenswert ist - sowohl für Fans des Unterhaltungsromans, als auch für Literaturliebhaber.



 

Eine Novelle, die vergangene Zeiten wieder aufleben lässt.




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