Montag, 24. Juli 2017

{Rezension} Pest & Cholera - Patrick Deville

Pest & Cholera
Patrick Deville

Peste & Choléra / übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

Romanhafte Biografie
240 Seiten

Verlag: Unionsverlag
Taschenbuch  € 12,95

Erscheinungsdatum: 24. Juli 2017
Erstveröffentlichung auf Deutsch: 2013 im Bilgerverlag 

Als ich den Klappentext des Buches las, wusste ich sofort: Ich muss dieses Werk in den Händen halten und alles über den Mann erfahren, nach dem der Pestbazillus benannt ist. Was soll ich sagen? Ich durfte einen Forscher, einen Abenteurer, einen Entdecker kennenlernen und wurde begeistert.




Der Klappentext

 

Alexandre Yersin, Arzt, Forscher, Seefahrer, Landwirt, Geograf und Mitarbeiter Louis Pasteurs, wird von einer unbändigen Neugier um die Welt getrieben. Als Schiffsarzt befährt er die Meere Asiens und stürzt sich in immer neue wissenschaftliche Abenteuer. In China gelingt ihm unter dramatischen Umständen eine sensationelle Entdeckung: Er identifiziert den Pestbazillus und entwickelt als Erster einen Impfstoff gegen die Geißel der Menschheit.
Der französische Schriftsteller und Bestsellerautor Patrick Deville erzählt in einem leidenschaftlichen Abenteuerroman von diesem außergewöhnlichen Mann und seiner Epoche.



Meine Meinung

 

"Und wär es denn ein Leben, sich nicht mehr zu bewegen."

Wow, das war mal eine Biografie nach meinem Geschmack! Allein schon der Mann Alexandre Yersin ist so ein Unikat, dass man gerne über ihn liest, doch Patrick Deville schafft es, eine ganze Epoche, einen Umschwung in der Medizin und Forschung, zu umreißen und dabei mal poetisch, mal augenzwinkernd, mal ernst, aber immer literarisch den Leser in seinen Bann zu ziehen.

Das Buch ist relativ kurz, doch man lässt sich unwillkürlich Zeit beim Lesen, weil man alles verstehen und in sich aufsaugen möchte, was der Autor einem zu sagen hat. Und das ist vieles. Patrick Deville hat vorbildlich recherchiert und bringt einem näher, was er über den Mensch Yersin und die Zeit, in der er lebte, in Erfahrung gebracht hat. Yersin ist umgeben von wichtigen, bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit, von denenso mancher zur Legende wurde. So gehört er dem Kreis um Louis Pasteur - den Pasteuriens - an und mit Pasteur verbindet ihn eine interessante Beziehung. Der Mann wird fast so etwas wie eine entfernte Vaterfigur, der er neben seinem hellwachen Verstand viel zu verdanken hat.

Der Roman kommt ohne direkte Rede aus, dafür lockern Einwürfe des 'Gespenstes aus der Zukunft' den Text auf. Dieser Geist ist der Autor selbst, der sich an Yersins Fersen heftet und uns an seinen Beobachtungen teilhaben lässt.

Ganz nebenbei lernt man noch etwas ebenfalls sehr Interessantes über die Engländer und deren Akronyme (Adjektive aus Anfangsbuchstaben). So eine Kreation ist zum Beispiel das Wort POSH. Es bedeutet so viel wie 'vornehm, schick, dandyhaft' und entstand aus der Phrase 'port out, starboard home', 'backbord hin, steuerbord zurück', was heißt, dass man seine Kabine an Bord je nach Fahrtrichtung bucht und auf die Weise immer die beste Aussicht hat.

Mir wurden ab und an ein paar Vergleiche und Fädenspinnereien zwischen den großen Größen der französischen Geschichte zu viel, weil ich nicht alles verstanden habe, aber das ist ein geringes Manko, wenn man beachtet, was Deville einem hier bietet.

Die Lektüre lädt zum Recherchieren ein - man beginnt, sich für die Geschichte zu interessieren und möchte unweigerlich mehr wissen, sodass man auch schon mal eine Stunde nach dem Leseabend am Laptop sitzt und sich durch Wikipedia-Einträge wühlt. Aber man betreibt nicht nur Nachforschungen, sondern auch das Nachdenken. Über Yersins Einstellung zu den Menschen, zur Politik und zum Leben im Allgemeinen. Seine Neugier und sein Tatendrang sind fast schon ohne Vergleich, mit seiner Sehnsucht nach einem eigenen Paradies hat er mich jedoch sehr an König Ludwig II. von Bayern erinnert. Was Yersin in seinem Nha Trang und Umgebung geschaffen hat, brachte mich oft dazu, die Augen zu weiten und staunend den Kopf zu schütteln.

"Letzlich wär es doch kein Leben, sich ständig zu bewegen."




Alexandre Émile Jean Yersin - Arzt, Bakteriologe, Entdecker

 

Aufgewachsen am Genfer See als halbe Waise lernte er früh, dass ihm die Kuns und Kultur nicht zusagte - die Mädchen im Pensionat seiner Mutter lehrten ihn diese Dinge mit einem Augenrollenabzutun. Stattdessen entdeckte er schon mit 8 Jahren seine Leidenschaft für die Naturwissenschaft, als er auf dem Dachboden die Insektensammlung seines verstorbenen Vaters aufstöberte.Von da an betrieb er Forschungen, um seinen scheinbar unstillbaren Wissensdurst zu stillen.
Nach seinem Studium zog es in in die weite Welt hinaus und er sah sich mit dem Abenteurer in seiner Brust konfrontiert, als er in Indochina als Schiffsarzt arbeitete. Und dieser ließ Entdeckerdrang ließ ihn nicht mehr los.




Ein paar Worte zum Autor


Patrick Deville, geboren 1957, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Philosophie in Nantes und arbeitete dort anfänglich als Dozent. Er lebte in den 1980er Jahren im Nahen Osten, in Nigeria und Algerien. In den 1990er Jahren besuchte er Cuba, Uruguay, Mittelamerikanische Staaten und Staaten des ehemaligen Ostblocks. Er gründete und leitet die »Maison des écrivains étrangers et des traducteurs« und deren Zeitschrift Meet.

Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem als »bester Roman des Jahres« der Zeitschrift Lire, mit dem Fnac-Preis und dem Prix Fémina.

 






Bewertung und mein Fazit zu 'Pest und Cholera' von Patrick Deville

 

Eine höchstgradig lesenswerte Lektüre, die nicht nur für Liebhaber von Biografien interessant ist. Schlichtweg ein Buch, das man einfach gelesen haben sollte. Am liebsten würde ich jetzt nach Nha Trang ins Yersin-Museum fliegen, um der Legende näher zu kommen, doch das brauche ich eigentlich gar nicht, denn ich hatte Patrick Deville.

 

Chapeau, Monsieur Deville, Ihnen ist es gelungen, aus einem Meisterwerk von Mensch ein Meisterwerk von Biografie zu machen!

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