Dienstag, 30. Oktober 2018

{Rezension} Carina Bartsch: Nachtblumen

Nachtblumen
Carina Bartsch


Zeitgenössischer Liebesroman
544 Seiten

Verlag Taschenbuch: rororo (Rowohlt Taschenbuch) 
Preis: 9,99€

Verlag eBook: Schandtaten Verlag (Eigenverlag der Autorin)
Preis: 3,99€

Erscheinungsdatum: Mai/Juni 2017 





Klappentext


Auf jede Nacht folgt ein Tag

Das Leben könnte so einfach sein. Wäre es manchmal nicht so verdammt schwer. Jana schläft am liebsten unter dem Bett. Collin friert gerne. Jana wünscht sich vertraute Menschen um sich herum. Collin möchte mit anderen Leuten nichts zu tun haben. Auf Sylt begegnen sich die beiden in einem Wohnprojekt und leben für die nächsten zwei Jahre Zimmer an Zimmer. Da ist eine Mauer, die sie trennt. Und eine Tür, die sie verbindet.


Der lange Weg zum Buch 


»Geschichten muss man nicht nur lesen, sondern spüren.« Carina Bartsch

»Kirschroter Sommer« und »Türkisgrüner Winter« von Carina Bartsch zählen zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen habe ich lange gezögert, mich an ihr neuestes Werk, »Nachtblumen«, zu wagen. Wer ihre beiden Debütromane kennt und liebt, weiß, dass sie sich durch eine unvergleichliche Leichtigkeit, Spritzigkeit, Witzigkeit sowie Schlagfertigkeit und obendrein mit starken Charakteren auszeichnen. Der Unterschied zu »Nachtblumen« könnte auf den ersten Blick nicht größer sein, aber in Wahrheit ist er, unter anderem Blickwinkel, kleiner als gedacht. Denn Carina Bartschs größtes Talent ist es, Gefühle durch die Schönheit und Feinfühligkeit ihrer Worte zum Leben zu erwecken. Nicht nur vor dieser Gabe empfinde ich große Bewunderung, sondern auch vor ihrem Mut, diese Geschichte zu erzählen. Bewusst etwas anderes zu schreiben als das, was ihre Leser von ihr erwartet oder erhofft haben, nämlich eine im positivsten Sinne locker-leichte Romanze mit schlagfertigen Protagonisten und einer ordentlichen Prise Humor, verlangt echte Leidenschaft für Geschichten aus dem Herzen entgegen des kalkulierbaren Erfolgs. 


Eigene Meinung


Vor Selbstbewusstsein strotzt die neunzehnjährige Jana keineswegs. Aber das bedeutetet nicht, dass sie schwach ist, auch wenn sie ihre Stärke erst noch entdecken muss. 

Welcher Ort könnte dafür schöner und heilsamer für die Narben auf der Seele sein als die Insel Sylt, die durch eindrückliche, atmosphärische Impressionen eine beständige Kraft und Ruhe ausstrahlt. Gemeinsam mit Jana kommt der Leser auf Sylt an und erlebt ihre vielfältigen Eindrücke mit und spürt sie nach. Auf Sylt in einem Architekturbüro macht Jana ihre Ausbildung zur Bauzeichnerin. Dafür kommt sie in einem besonderem Wohnprojekt unter, bestehend aus ihren gleichzeitigen Chefs, Herrn und Frau Völkner, und den anderen vier Azubis. 

Beim Schreiben klingt es etwas seltsam, was es aber beim Lesen keine Minute lang für mich war. Denn diese Menschen, die dort leben, sind ebenso verschieden wie wunderbar — Ausnahmen bestätigen die Regel. Anke und Klaas Völkner sind auch keine verklärten Gutmenschen, sondern vor allem bewundernswert, haben sie doch viel gesehen und erlebt. Trotzdem haben sie nie die Hoffnung aufgegeben, jungen Menschen, mit denen es das Leben bisher nicht so gut gemeint hat, eine Aussicht auf eine lohnenswerte Zukunft zu geben. Dass sich nicht jeder helfen lassen möchte oder kann, wird auch gar nicht unter den Teppich gekehrt, was der Geschichte Glaubwürdigkeit und Tiefe verleiht. Mit einfühlsamen, teilweise ungewöhnlichen Blickwinkeln erscheint vieles in einem anderen Licht. Nie ist etwas nur schwarz oder weiß, sondern es sind die Zwischentöne, die das Leben ausmachen. 

Emotional und körperlich von ihrer Vergangenheit gezeichnet, liegt ein langer Weg vor Jana, ihre Ängste und Zweifel zu überwinden und sich einen Platz im Leben zu erkämpfen. Allein die Eingewöhnung in dem neuen Wohn- und Arbeitsarrangement fordert immer wieder Überwindung von ihr. Ego-Tussi Vanessa, Macho-Aufschneider Tom, Selbstverleugner Lars und Distanzhalter Collin bereiten Jana nicht gerade ein herzliches Willkommen, was nicht primär an Boshaftigkeit, sondern vielmehr aus eigenen Problemzonen resultiert. Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen, dabei trägt es sich gemeinsam doch viel leichter. Aber diese Erkenntnis braucht Zeit.

Jetzt habe ich schon so viel erzählt, aber wo nun steckt die Liebesgeschichte? Sie ist da, ganz zart nur am Anfang, aber stetig wachsend und schließlich erblühend. Dass ich bisher noch gar nicht darauf zu sprechen gekommen bin, hat folgenden Grund: Diese Geschichte ist so viel mehr als eine Liebesgeschichte. Es geht nicht nur darum, wie zwei Menschen zueinander finden, sondern auch oder vielleicht vor allem darum, wie sie zu sich selbst finden. Erst danach können sie wahrhaftig im Gegenüber die perfekte Ergänzung ihrer selbst erkennen. Das Herz ist dem Verstand wieder einmal meilenweit voraus und weiß, was es will, bevor man es selbst richtig begreift. Aber ist es dann schon zu spät?  

Von wem spreche ich überhaupt? Es geht um Jana, so viel ist klar. Jana schleppt sichtbare wie unsichtbare Spuren mit sich herum, begegnet anderen Menschen mit Schüchternheit, Zweifeln und Vorsicht — immer in Erwartung des Schlimmsten. Eine ganz andere Strategie hat Collin entwickelt, seine Vergangenheit und seine Mitmenschen auf Abstand zu halten. Viel hat mit Selbstschutz zu tun, aber auch mit Selbstverleumdung. Nun ist es aber gerade sein Schweigen, das Jana zum Reden herausfordert. Und es ist Collins besondere Einsicht in Menschen, die ihn Jana unter all ihren Schichten, welche ihr als Versteck dienen, als jemand ganz Besonderes erkennen lässt. Collin ist gnadenlos konsequent, was ihn manchmal kühl und unnahbar wirken lässt, aber er ist alles andere als herzlos. Er fordert Jana dazu heraus, über sich selbst hinauszuwachsen. Jana wiederum fordert von Collin nicht weniger, auch wenn Collins Grenzen ganz anders geformt sind und es erst Janas wachsender Beharrlichkeit und Stärke gelingen kann, die harten Mauern zu unterwandern. 

Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive von Jana geschrieben, wodurch ihre Gefühle dem Leser sofort nahegehen. Trotz aller Distanz, die Collin wahrt, nimmt er einen einfach mit seiner Art für sich ein, die sich nicht nur im künstlerischen Bereich (einfach nur wow!) ausdrückt, sondern in kleinen, intimen Momenten immer wieder durchschimmert. 

Eine Geschichte, geformt aus Emotionen! Ich habe geweint, gelitten, gelacht, geschmunzelt, die Augen verdreht, war berührt, genervt, wütend und ganz bestimmt noch vieles mehr, was ich jetzt gar nicht mehr greifen kann. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die einen keine Sekunde loslässt und jede Sekunde auf die ein oder andere Weise genießen lässt. Einfach weil es so echt ist, obwohl es ein Buch ist. 


Wunderschönes i-Tüpfelchen


»Nachtblumen« ist nicht nur der wunderschöne Titel einer ebenso wunderbaren Geschichte, sondern hat eine tiefergehende Bedeutung, die sich dem Leser nach und nach eröffnet. Die anfängliche melancholische Note bekommt immer mehr Facetten und formt sich zu einem Gesamtbild, das wiederum aus einzelnen Teilen und Deutungsebenen besteht, jede für sich einzigartig, individuell, besonders. War das verständlich? Vielleicht nicht. Lest es am besten selbst und setzt euer eigenes Bild zusammen. 


Bewertung und Fazit


Carina Barsch gelingt es auf einzigartige Art und Weise, Gefühle in all ihren Facetten nicht nur authentisch und mit Fingerspitzengefühl zu beschreiben, sondern beim Lesen spürbar zu machen. Dabei schreibt sie so vielseitig wie das Leben. So besticht die Geschichte nicht durch eine ausgeklügelte, raffinierte Handlung, sondern packt einen auf der emotionalen Ebene. Mal mit voller Wucht, mal mit Herz und Schmerz, fast Melancholie und dann wiederum sanft und zart, aber immer berührend. 

Klare 5 Sterne mit ganz vielen imaginären Herzchen drumherum sowie eine unbedingte Leseempfehlung mit drei Ausrufezeichen obendrauf!!! ;-) 


Eine Liebesgeschichte mit Tiefgang und ganz viel Gefühl, das jede Seite durchdringt, jeden Moment besonders macht!

Keine Kommentare:

Kommentar posten